Mareike Hülsbusch

Wo soll ich anfangen? Genau drei Monate arbeite ich jetzt schon im Hospiz. Am Anfang hatte ich Angst – habe Trauer und Dunkelheit erwartet. So geht es Vielen, die noch nie ein Hospiz betreten haben.
Ich habe nicht mitgezählt, wie oft ich schon gefragt wurde, ob ich denn damit klarkomme. „Ich könnte das ja nicht.“ – Damit ist für die Meisten das Thema beendet. Richtig viel wollen sie auch gar nicht von mir hören – wahrscheinlich aus Angst, schreckliche Schauergeschichten aufgetischt zu bekommen oder mich zum Weinen zu bringen …
Die wenigen Leute, mit denen ich wirklich reden kann, sind für mich sehr wertvoll. Auch wenn ich meine Entscheidung, hier zu arbeiten, nicht bereue, und weiß, etwas Gutes, etwas Sinnvolles zu tun, nehme ich trotzdem viel mit nach Hause: mal Trauer, mal Wut, mal Unverständnis.
Dem Ganzen Luft zu machen, tut gut und ist wichtig – so wie in jedem anderen Job auch. Und wenn ich dann ein Resümee des Tages ziehe, bin ich fast immer zufrieden.
Mit einem Lächeln, einem guten Essen, einem offenen Ohr, einer helfenden Hand kann ich so viel erreichen und verändern.


Eine Bewohnerin hat oft meine Hand in ihre genommen und sah dann ein Stück weit glücklich aus. Auch mir tat diese Nähe gut – ich wusste, ich werde gebraucht.
Ich fühle mich wertgeschätzt. Das Vertrauen, das mir oft entgegengebracht wird, hat mich anfangs überrascht. Eine ältere Dame hat mir Tag um Tag Geschichten aus ihrem Leben erzählt – es waren zwar manchmal die Gleichen, aber sie waren trotzdem ganz anders. Das Erzählen tat ihr gut, das habe ich gemerkt. Angehörige schütten ausgerechnet mir ihr Herz aus und Mitarbeiter geben mir verantwortungsvolle Aufgaben.
Eine relativ lange Zeit bin ich zum Beispiel jeden Tag mit einem bewundernswerten Herren spazieren gewesen. Mehrmals am Tag waren wir los und die Strecken, die er ausgesucht hat, waren nicht kurz. Er hat mir gezeigt, was Lebensfreude und Lebenswille sind. Mit ihm zu reden – über das, was man sieht, über seine und meine Familie und über das nächste Mittagessen –, das hat uns beide für eine Zeit vergessen lassen, dass er schwer krank ist.
Als dieser Mann gestorben ist, war ich wie gelähmt. Das war der erste Mensch, den ich hier wirklich ins Herz geschlossen hatte. Auch der Erste, der mich zum Weinen gebracht hat. Auf dem Weg in sein Zimmer zum Verabschieden hat mein Herz ganz schnell geschlagen und ja, ich hatte Angst.
Sie war unbegründet. Er sah friedlich aus, hatte sogar ein Lächeln auf den Lippen. Ich habe mich neben ihn gestellt und ihm gesagt, dass er ein toller Mann ist und ich die Spaziergänge mit ihm genossen habe. Danach habe ich ihm eine frisch gepflückte Blume vor die Zimmertür gelegt und so ist mein Ritual entstanden. Mir hilft diese Art des „Tschüss-Sagens“ und ich habe das Gefühl, dass der Verstorbene all die lieben letzten Worte an seinem Bett hört.

Oft ist der Tod eine Erlösung. Man sieht in den toten Gesichtern keinen Schmerz, keine Schreie. Im Hospiz dürfen die Menschen würdevoll gehen.
Und das Gehen, der letzte Schritt – der Tod – ist nach langer schwerer Krankheit dann nicht mehr das Schlimmste. Für mich als Außenstehende ist es viel schlimmer, den Verfall zu sehen – zu sehen, was Krankheit aus einem Menschen machen kann. Das ist wirklich schwer zu verstehen und zu akzeptieren. Wieso müssen die Kinder mit ansehen, wie die eigene Mutter nicht mehr in der Lage ist, zu gehen, zu essen, zu reden? Oder noch schrecklicher: Die Eltern müssen ihr Kind leiden sehen.
Mich macht es traurig zu sehen, wie Bewohner von Tag zu Tag weniger werden: weniger Körper und weniger Geist. Wie ihnen am Anfang noch auffällt, dass sie beim Essen immer mehr kleckern oder beim Erzählen immer mehr vergessen. Doch nach einer Weile merken sie das nicht mehr – und dann hören sie irgendwann auf zu essen und zu erzählen.
Deswegen kann ich verstehen, wenn Mitarbeiter und Angehörige nach dem Tod „endlich“ sagen.
Wir sind nun mal alle endlich und das Ende kann sehr traurig sein.
Trotzdem tut mir die Arbeit irgendwie gut. Ich sammle wertvolle Erfahrungen, lerne tolle Menschen kennen. Ich kann Verantwortung übernehmen und manchmal auch einfach nur da sein. Das „Da-sein“ ist wichtig, hat mein Chef gesagt. Am Anfang habe ich das nicht so ganz verstanden. Warten, sich langweilen – und das, statt zu arbeiten? Nein. Sich Mühe mit Details geben, Besucher begrüßen, ein offenes Ohr und Auge haben und auch mal einem Hauptamtlichen ein Stück Kuchen anbieten. Das sind Kleinigkeiten, aber die sind im Hospiz so wichtig.


Ich bin stolz auf mich, dass ich diese Rolle schon so gut eingenommen habe. Aber ich weiß auch, dass ich auf mich aufpassen muss. Die Arbeit bedeutet oft Hektik und dieser werde ich nicht immer Herrin. Die Küche schmeißen, ans Telefon gehen, die Wäsche nicht vergessen, einfühlsam gegenüber den Mitmenschen sein … Und das 39 Stunden die Woche – auch an Wochenenden und Feiertagen. Mag machbar klingen, ist es auch, aber für meine 18 Jahre ist es anstrengend. Direkt von der Schulbank in die Realität – eine Realität, vor der viele Angst haben.
Aber ich freue mich auf das restliche Dreivierteljahr und die neuen Herausforderungen.

Mareike