Christina Fritz

BFD für ü27-Jährige in Stift Tilbeck

Ich bin Christina, bin 30 Jahre alt und habe eine Schwerbehinderung, da ich Epileptikerin bin. Dies hat meinen bisherigen beruflichen Weg schon beeinflusst.

Nachdem ich eine Gärtnerlehre gemacht habe, während dieser durch Mobbing meine epileptischen Anfälle wiederkamen, bin ich in die Beratung beim Arbeitsamt gekommen. Hier wurde mir eine berufliche Reha in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung im Berufsbildungsbereich empfohlen. Daraufhin war ich also als Betreute in den Werkstätten eines großen Trägers beschäftigt. Ich habe schnell gemerkt, dass ich da nicht hinpasste. Ich habe mich nicht wohlgefühlt und war oft unterfordert. Das hier war nicht das Richtige für mich. Ich wusste schon immer, dass ich gerne im sozialen Bereich arbeiten möchte, aber dieser Bereich wurde mir nicht wirklich zugetraut und nachdem ich einmal in der Maßnahme war, war eine "Gesundschreibung" nicht einfach möglich. Darum kam ich in eine tagesstrukturierende Maßnahme über ein Jahr. Da das Jobcenter mich als nicht belastbar eingestuft hatte, folgte ein 1,50 Euro Job im Kindergarten und danach noch einer im Landesarchiv. Alternativen dazu wären Berufsfindungsmaßnahmen gewesen, aber diese wollte ich nicht mehr, da ich ja eigentlich schon wusste, dass ich mit Menschen arbeiten will. Leider wurde mir von den sozialen Berufen immer wieder abgeraten, da mir das Jobcenter diese nicht zutraute. Man wollte mich in Beschäftigung bringen, aber eine Ausbildung konnte mir nicht ermöglicht werden.

Eigentlich war es dann eines Tages eine Trotzreaktion, die mich zum Freiwilligendienst gebracht hat. Ich wollte keine Maßnahme mehr und ich wollte die Entscheidungen selber in die Hand nehmen. Da habe ich Werbung für das FSJ gesehen. Erstmal habe ich festgestellt, ich bin zu alt, aber ich habe mich einfach trotzdem beworben mit der Befürchtung, eine Absage zu erhalten. Tatsächlich hat sich mein Einsatz gelohnt und ich habe von zwei Trägern die Zusage für einen Freiwilligendienst erhalten. In einem sehr netten Telefonat mit der zuständigen Mitarbeiterin der FSD Münster habe ich dann erfahren, dass ich mit über 27 Jahren auch einen Freiwilligendienst machen kann. Den BFD Ü27. Und außerdem hat Sie mir gesagt, dass Sie sich einen Einsatz für mich gut vorstellen kann. Deshalb habe ich mich für den Träger FSD entschieden. Ich wollte die Möglichkeiten haben zu beweisen, was ich leisten kann. Zum anderen, konnte ich so mal etwas zurückgeben. Ich wollte einen Perspektivwechsel - mal danke sagen für die ganzen Freiwilligen, die mir geholfen haben als ich noch auf die Förderschule ging.

Zuerst hat Steff Winde mich beraten und mir Einsatzstellen vorgeschlagen. Erstmal konnte ich mir gar nicht vorstellen, mit Erwachsenen Menschen mit Behinderung zu arbeiten, aber der Vorschlag war, erstmal zu hospitieren. Daher habe ich dann in meiner ehemaligen Werkstatt hospitiert und der Bereich hat mir dann doch sehr gut gefallen. Nach dieser Erfahrung habe ich mich entschieden, bei dem Träger in einer Fördergruppe für Menschen mit Schwerstmehrfachbehinderung den Freiwilligendienst zu beginnen.

Auch hier kam das Jobcenter an seine Grenzen, da es Zweifel daran gab, dass die psychische Belastbarkeit gegeben ist. Ich musste Überzeugungsarbeit leisten und beweisen, dass ich das kann und dass ich eine Chance verdient habe. Insbesondere der Bereichsleiter in der Einrichtung hatte Schwierigkeiten mit meinem Rollenwechsel von einer Beschäftigten zu einer Freiwilligen Mitarbeiterin und das hat die Arbeit unterschwellig schon erschwert. Mir hat die Arbeit mit den Menschen viel Spaß gemacht und ich wollte weiter in dem Bereich arbeiten.

Nach einigen Gesprächen und Beratung mit der Mitarbeiterin der FSD habe mich dann entschieden, den Freiwilligendienst nach einem Jahr zu verlängern, aber ihn in einer anderen Einrichtung weiterzumachen. Mir wurde das Stift Tilbeck, eine große Einrichtung für Menschen mit Behinderung in Havixbeck empfohlen und die Mitarbeiterin der FSD hat einen persönlichen Kontakt hergestellt und mich der Einsatzstelle empfohlen. So kam es tatsächlich zu einem Vorstellungsgespräch. Auch hier durfte ich wieder hospitieren und wurde von der Mitarbeiterin vor Ort gut beraten. Ich hatte die Entscheidungsfreiheit für einen Arbeitsbereich und habe mich nach einigem Hin- und Her tatsächlich entschieden, es in einer Fördergruppe der Werkstatt für Menschen mit erhöhtem Förderbedarf zu versuchen. Dies habe ich nicht bereut. Hier war ich genau richtig. Ich konnte viel lernen und alle Fragen wurden mir beantwortet. Meine Kollegen waren auch begeistert von mir. Ich war mir jetzt ganz sicher, dass ich eine Ausbildung machen will und schaffen kann. Auf Anraten der Mitarbeiterin der FSD habe ich dann eine Prüfung durch das Gesundheitsamt eingefordert. Dies hat auch tatsächlich geklappt und durch die Prüfung wurde mir bescheinigt, dass es zwingend erforderlich sei, eine berufliche Ausbildung abzuschließen, um mir eine Perspektive zu schaffen und das ich in der Lage sei, dies zu schaffen. Ich war jetzt offiziell arbeits- und ausbildungsfähig. Das Rehateam des Jobcenter sah leider keine Möglichkeit eine schulische Ausbildung für mich zu fördern. Aber ich hatte durch meine Einrichtung jetzt sehr viel Unterstützung. Mit Hilfe des Teams in Tilbeck und mit dem Zuspruch meiner Austauschgruppe habe ich also Bewerbung auf dem normalen Weg an Schulen für die Ausbildung zur Sozialassistentin geschickt ohne den Weg über das Jobcenter zu nehmen. Und wieder hat es sich gelohnt, ich hatte drei Vorstellungsgespräche, daraus ergab sich eine Ablehnung und sage und schreibe zwei Zusagen. Nach einer Anfrage hat die Personalabteilung des Stift Tilbeck Kontakt zum Jobcenter aufgenommen, sodass ich noch ein halbes Jahr nach dem Ende des BFD als Gruppenhelferin bleiben konnte, um die Zeit bis zum Schulbeginn zu überbrücken. Ich habe sogar Signale von Einrichtungen bekommen, dass ich mich später gerne bewerben soll, wenn die Schule abgeschlossen ist.

Nun bin ich in der Ausbildung zur Sozialassistentin an der ESPA in Münster. Das erste Jahr ist geschafft. Im ersten Halbjahr war ich sogar unter den besten Schülern der Klasse. Seit Beginn der Ausbildung bin ich aus dem Reha-Bezug raus. Ich bewege mich auf dem normalen eigenständigen Weg. Ich habe im letzten Jahr eine LRS Therapie begonnen. Diese hilft mir den Stress rauszukriegen und mich den Arbeiten in der Schule zu stellen. Zwar komme ich manchmal an Grenzen aber die Schule macht mir Spaß und ich kann das schaffen.

Rückblickend kann ich sagen, war der BFD die beste Entscheidung, die ich je getroffen habe und ich würde es immer wieder tun.

Die Arbeit hat mir so viel Spaß gemacht und ich hab mich so herrlich normal gefühlt. Die Menschen, mit denen ich gearbeitet habe, nehmen mich so wie ich bin und gucken nicht nach Defiziten sondern feiern alle Kleinigkeiten. Ich erinnere mich heute noch an eine Beschäftigte, deren Foto ich bis heute habe. Sie konnte nicht gut sprechen, aber kannte alle Kinderlieder und hat diese gefeiert und dazu getanzt. Noch heute denke ich, wenn es mal wieder schwierig wird: "Wenn man Bibabutzemann feiern kann, dann kann man auch alles andere überstehen." Das Stift Tibeck ist einfach super. Ich bin da jeden Tag mit guter Laune rausgegangen. Es gab auch stressige Tage, aber: "In Tilbeck rein, Alltag raus." Ich bezeichne mich gerne als Tilbeckerin.

Ich bin gut angeleitet worden und konnte immer Fragen stellen. Mir wurde alles gezeigt, was ich wissen wollte, die Kollegen haben ihren Job super gemacht. Ich hatte sehr viel Zuspruch und Unterstützung durch die Kollegin im Team und den Bereichsleiter zur Ausbildung. Auf deren Urteil konnte ich gut vertrauen.

Die begleitenden Seminare vom FSD waren toll, die Themen gut gewählt. Das Seminar zum Thema Glück-Zufriedenheit und Motivation z. B., das hat gut gepasst und mich vom Negativdenken weggebracht. Auch das Seminar über Tod und Sterben war sehr schön. Das wirkliche Highlight für mich war aber der Hochseilgarten. Das war für mich körperlich eigentlich nicht schaffbar. Ich wollte es einfach erreichen und hab es irgendwie geschafft. Diese Erfahrung begleitet mich bis heute. "Ich hab´s da hoch geschafft, ich werde das jetzt auch schaffen." In den Gruppen war es gut, etwas von den anderen mitzubekommen. Es waren super nette Leute mit sehr unterschiedlichen Lebenswegen. Am Anfang hab ich gezweifelt, ob es gut ist, so viel über meinen Lebensweg zu reden. Aber Ich habe mich in der Gruppe super aufgenommen gefühlt und wusste, dass ich mich der Gruppe anvertrauen kann.

Der BFD hat mich selbstbewusster gemacht und hat mich weiter gebracht. Es hat mich menschlich reifen lassen. Es gibt nicht mehr so viele Katastrophen. Die Arbeit hat mir gezeigt, dass es schlimme Dinge gibt, aber auch vieles unwichtig ist. Die unwichtigen Dinge beschäftigen mich nicht mehr so lange und ich genieße mehr den Moment. Ich kann nur jedem dazu raten, der noch nicht richtig weiß was er machen möchte, einen BFD zu machen.