Marvin Radig

Altenheim

Als ich mein Freiwilliges Soziales Jahr beginnen wollte, war ich mir plötzlich nicht mehr so sicher, ob ein Jahr in einem Altenwohnheim, einer Einrichtung, die ich bis dahin nur von außen gesehen hatte, das richtige für mich wäre. Auch die drei Einarbeitungstage und einige Besuche zur Bewerbung konnten mich nicht so ganz überzeugen.  

Trotzdem bin ich am ersten Tag mit viel Motivation zur Einsatzstelle gefahren und habe mich auf meine neuen Aufgaben gefreut. Zum Glück wurde ich sehr gut von allen Mitarbeitern aufgenommen und habe schnell gelernt mich im Team zurecht zu finden.

Gleich zu Anfang habe ich gemerkt, dass ein Altenheim nicht bloß ein Krankenhaus für ältere Menschen ist. Die  Menschen leben in diesem Haus und wirken am alltäglichen Geschehen mit. Sie bestimmen mit am Leben im Haus, der Gestaltung des Hauses, Veranstaltungen, Essensplänen und vielem mehr.  

Leider gibt es auch Bewohner, denen es nicht mehr möglich ist mitzubestimmen, die auf Grund von Krankheiten wie zum Beispiel Demenz, nicht mehr in der Lage sind ihre Meinung zu äußern oder sich überhaupt zu artikulieren. Da ich mein FSJ auf einem Wohnbereich mit demenzerkrankten Bewohnern gemacht habe, hatte ich zum größten Teil mit diesen Menschen zu tun. Ich kann mich noch gut erinnern, dass ich anfangs ein wenig erschrocken war über das Befinden einiger Bewohner, die auf kaum eine Frage reagierten oder antworten konnten. Doch nach und nach habe ich einen Weg zu jedem Bewohner gefunden und gemerkt, dass sie trotzdem immernoch eigene Charaktere haben  und merken, was um sie herum passiert und wie jemand mit ihnen umgeht. Das wichtigste dabei war für mich zu sehen, dass sich Bewohner wirklich freuten wenn man ihnen Aufmerksamkeit schenkte, sich mit ihnen unterhielt, spazieren ging, ihnen etwas vorlas. Ziemlich schnell war so meine Arbeit im St. Elisabeth Haus Normalität, aber dadurch keineswegs langweilig. Es gab immer wieder neues über Bewohner zu erfahren oder auch neue Bewohner kennenzulernen.

Gefreut habe ich mich auch darüber, dass mir nach einiger Zeit immer mehr zugetraut wurde und ich viel Verantwortung übertragen bekommen habe, wenn ich zum Beispiel alleine ein Gedächtnistraining machen konnte, mit Bewohnern zu Arztbesuchen gefahren bin, bei verschiedenen Veranstaltungen helfen konnte oder Praktikanten anlernen konnte. Insgesamt war das Arbeitsklima über das gesamte Jahr wirklich sehr gut. 

Leider gab es auch nicht so schöne Tage während meines FSJ, an denen zum Beispiel Bewohner gestorben sind. Es war für mich schon schwer zu verstehen, dass dies auch dazugehört und, dass man am nächsten Tag trotzdem weiterarbeiten muss, weil sich andere Bewohner auf einen verlassen. Zumal ich viele Bewohner wirklich lieb gewonnen habe und es schon ein komisches Gefühl war, sie nicht mehr morgens auf dem Wohnbereich anzutreffen. Zum Glück konnte ich mich immer an meinen Anleiter und meine Kolleginnen wenden, sodass es mich insgesamt nicht zu sehr mitgenommen hat.

Zu der Arbeit im Haus kamen dann noch die fünf Seminare, die es in regelmäßigen Abständen zu besuchen gab. Vor dem ersten Seminar habe ich mir wirklich alle möglichen Szenarien ausgemalt, von Kennenlernspielchen bis hin zu Vorträgen über sonstige philosophische Themen. Ein ganz bisschen war es dann auch so, aber viel lustiger und besser verpackt. Dank wirklich motivierter Teamer und einer tollen Gruppe (Block B, Gruppe blau ;) ), haben alle Seminare wirklich Spaß gemacht und ich habe mich auf  jedes gefreut. Außerdem habe ich während der Seminare viel über Teamarbeit und vor allem über mich selbst gelernt. Nebenbei habe ich  auch neue Freunde kennengelernt.

Insgesamt habe ich während meines FSJ viele Erfahrungen gesammelt, viel über Kollegialität und Miteinander gelernt und mich selbst ein bisschen besser kennengelernt. Nicht zu vergessen die vielen wirklich tollen Menschen, die mich in der Zeit des FSJ begleitet haben.  Für mich hat sich das freiwillige soziale Jahr wirklich gelohnt und war keinesfalls „ein vergeudetes Jahr“, wie mir einige zu Anfang erzählen wollten.